Vedische Astrologie
Die Veden, die Schatzkammern des Wissens, sind das Erbe Indiens. Die Astrologie oder Jyotisha ist ein Teil der Veden. Der «Rig-Veda» enthält etwa 30 Shlokas über die Astrologie, der «Yajur-Veda» 44 und der «Atharva-Veda» ganze 162 Shlokas. Die indischen Weisen schufen auch andere unsterbliche klassische Texte, die unter dem Namen «Puranas» bekannt sind und ebenfalls Körner der Astrologie enthalten. Die Weisen erklärten Bharata-Varsha (den alten Namen Indiens) zum «Land des Karma», wo die Menschen die Früchte ihrer Handlungen ernten. Das Karma und seine Folgen gehören zum Gebiet der Astrologie, obwohl sie eine allgemeine geistige Bedeutung haben.
Die Astrologie ist die Wissenschaft vom Einfluss der Planeten und Sterne auf die Menschen; und auf die irdischen Ereignisse. Die Bewegung und die Stellung der Planeten sowie die Zeit (Kala) üben einen Einfluss auf jeden von uns aus. Anhand der Bewegung der Planeten lassen sich die Schicksale von Menschen und Nationen, plötzliche Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche und andere Vorkommnisse auf der Erde vorhersagen. Die Astrologie ist eine göttliche Wissenschaft, die die astronomischen Bewegungen der Planeten mit physischen, psychischen und geistigen Reaktionen verbindet. Die astrologische Wissenschaft gründet sich auf die grundlegenden Annahmen vom Einfluss der Planeten auf uns, von der Wirksamkeit des Gesetzes des Karma und der Ursache-Wirkungs-Verbindungen und von der Fortsetzung des Lebens selbst nach dem physischen Tod. Konkrete Stellungen und Konfigurationen der Sterne und Planeten entsprechen verschiedenen Lebensereignissen, und die Astrologie hilft, diese Ereignisse vorauszuahnen.
Jede Wissenschaft bedarf der Forschung, neuer Theorien, von Veränderungen und Evolution auf allen Entwicklungsstufen. Beständig entstehen neue Ideen und Systeme. Die Entwicklung einer Wissenschaft setzt vielfache Beobachtungen, die Formulierung von Theorien und endgültige Schlüsse über ihre Wirksamkeit voraus. Leider fehlte es der Astrologie stets an diesen grundlegenden Elementen, weswegen sie sich in etwas wie einen Mythos verwandelte und sich als unfähig erwies, sich vor den Angriffen der Skeptiker zu schützen. In Indien ist das astrologische Wissen über zahlreiche klassische Texte in verschiedenen indischen Sprachen verstreut, weswegen ihre Zusammenführung zu einem Ganzen zu einer unbewältigbaren Aufgabe wird. Oberflächliche Aufzeichnungen und das Fehlen einer systematischen wissenschaftlichen Herangehensweise an die Entwicklung der Astrologie in Indien waren der Grund für das Auftreten einer Vielzahl schlecht ausgebildeter Astrologen, was den Ruf dieser göttlichen Wissenschaft stark verdorben hat.
In alten Zeiten wurde die astrologische Wissenschaft von Generation zu Generation nach der Methode Shruti und Smriti weitergegeben: vom Lehrer zum Schüler in mündlicher Form, die in Indien wegen des Fehlens von Papier und Drucktechnologien allgemein üblich war. Der größte Teil des verborgenen Wissens über die Astrologie wurde in den Köpfen der Brahmanen und in den heiligen Schriften bewahrt, doch mit dem Kommen der Muslime und der aggressiven Mogulen wurde dieses Wissen fanatischen Angriffen unterworfen, die in ihrer Voreingenommenheit mit nichts vergleichbar sind. Daher fehlen in jenen wenigen Texten und Manuskripten zum Jyotisha, die bis in unsere Zeit gelangt sind, oft wichtige Bindeglieder. Viele Gelehrte haben in der Vergangenheit versucht, diese fehlenden Elemente wiederherzustellen, doch hatten ihre Versuche keinen Erfolg und schufen mitunter noch mehr Unordnung und Verwirrung. Jetzt aber beobachten wir eine Wiedergeburt der vedischen Astrologie. Der Markt ist von Literatur zu den verschiedensten astrologischen Themen überfüllt. Hoffen wir, dass diese Tendenz anhält…
Die vedischen Astrologen nutzen eine rationale Methode der Analyse, die acht Elemente einschließt:
- Das Sonnensystem. Im Zentrum unseres Sonnensystems steht die Sonne. Neun Planeten — Merkur, Venus, die Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto — kreisen zusammen mit einem Ring von Asteroiden auf elliptischen Bahnen um die Sonne. Die vedischen Astrologen verwenden Uranus, Neptun und Pluto nicht. Andererseits verleihen die klassischen Autoren dem Mond und den beiden Mondknoten, Schattenpunkten mit dem Namen Rahu und Ketu, den Status von Planeten. Die Knoten haben keinen physischen Körper, sondern stellen die Schnittpunkte der Bahnen von Sonne und Mond dar. Man bestimmt sie mit Hilfe mathematischer Berechnungen. Die Planeten Merkur und Venus befinden sich im Raum zwischen der Sonne und der Erdbahn, daher nennt man sie innere oder untere Planeten. Die Bahnen von Mars, Jupiter und Saturn liegen auf der anderen Seite von der Erde aus, weswegen man sie äußere oder obere Planeten nennt.
Rahu und Ketu bewegen sich stets in entgegengesetzter Richtung, das heißt, sie befinden sich in rückläufiger Bewegung. Die Sonne und der Mond werden niemals rückläufig. Die übrigen Planeten bewegen sich durch den Tierkreis in gewöhnlicher Richtung, doch schaffen mitunter bestimmte unsichtbare Kräfte Hindernisse auf ihrem Weg, weswegen die Planeten für einige Zeit anhalten, «umkehren» und eine rückwärtige Bewegung beginnen. Zumindest sieht es für die Beobachter von der Erde aus so aus. Mit der Zeit kehren die Planeten zu ihrem natürlichen Kurs zurück. Diese Erscheinung, wenn ein Planet sich rückwärts bewegt, nennt man Rückläufigkeit, und sie tritt dann auf, wenn ein Planet sich nahe bei der Erde befindet.
Die Planeten bilden miteinander Verbindungen — freundschaftliche und feindliche.
- Der Tierkreis. Der Weg, den die Sonne im Laufe eines Jahres durchläuft, heißt Ekliptik. Jener Teil des Himmels, der sich 8° zu beiden Seiten der Ekliptik erstreckt, trägt den Namen Tierkreis. Der Mond und die Planeten bewegen sich in diesem Gürtel. Der Tierkreis ist in 12 gleiche Teile zu 30° geteilt, deren jeder ein gesondertes Sternbild des Tierkreises (Rashi) ist. Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische sind die Zeichen des Tierkreises. Jedes von ihnen wird von einem konkreten Planeten beherrscht. Die Zeichen haben ihre besonderen Eigenschaften und spielen bei der Deutung astrologischer Karten eine wichtige Rolle. Die Beschreibungen ihrer Merkmale finden sich in den entsprechenden Rubriken dieser Website.
- Die Sterne oder Nakshatras. Der ganze Tierkreis ist in 27 gleiche Teile zu 13°20′ geteilt, die als Nakshatras, auch Sterne, Sternbilder oder Mondhäuser, bekannt sind. Jede Nakshatra hat ihren beherrschenden Planeten. Die erste Nakshatra, die bei 0° des Widders beginnt, steht unter der Herrschaft Ketus. Weiter ist die Reihenfolge der Herrscher die folgende: Venus, Sonne, Mond, Mars, Rahu, Jupiter, Saturn und Merkur. Die Reihe endet im letzten Grad des Krebses und beginnt von neuem bei 0° des Löwen, wobei sie am Ende des Zeichens Skorpion abschließt. Der dritte Zyklus beginnt mit dem Schützen und endet am Ende des Zeichens Fische.
- Die Zeit. Wir alle kennen solche Zeitmessungen wie die mittlere Ortszeit, die Standardzeit für ein konkretes Land oder eine Zeitzone und die mittlere Zeit von Greenwich. Doch gibt es auch ein anderes System der Zeitmessung — die sogenannte siderische Zeit, die nach der Drehung der Erde relativ zu einem festen Stern bestimmt wird. Die Dauer eines siderischen Tages beträgt 23 Stunden 56 Minuten. Die Zeit, die nach dem siderischen Tag gemessen wird, heißt siderische Zeit. Wenn der Anfang des Sternbildes Widder (nach dem System Sayana) den Meridian des Beobachters kreuzt, beträgt die siderische Zeit 00:00.In der Astrologie gilt als das erste Haus des Horoskops der Punkt der Lagna. Das Lagna oder der Aszendent ist jenes Tierkreiszeichen, das in einem bestimmten Zeitpunkt am östlichen Horizont aufsteigt. Das ist der Schnittpunkt der Ekliptik und der Horizontlinie an einem konkreten geographischen Ort und zu einer konkreten Zeit. Die Stellung des Lagna hängt von der Drehung der Erde um ihre Achse ab, das heißt, sie hängt von der siderischen Zeit an dem betreffenden geographischen Ort in dem betreffenden Moment ab. Der berechnete Grad des Punktes des Lagna bildet die Spitze des ersten Hauses des Horoskops.
- Die Häuser des Horoskops. Häuser gibt es insgesamt 12. In das erste Haus fällt jenes Zeichen, in dem sich der Punkt des Lagna befindet. Das nächste Sternbild bestimmt das zweite Haus, das darauf folgende — das dritte und so weiter.
Im System des Jyotisha ist ein Zeichen einem Haus des Horoskops gleichwertig. In der westlichen Astrologie ist das Bild ein wenig anders: dort wird der Anfangspunkt eines Hauses von der Spitze dargestellt, und das erste Haus wird von einem Raum von 30 Grad gebildet, beginnend bei der Spitze. Im vedischen System dagegen stellt die Spitze das Zentrum des Hauses dar, und das Haus selbst erstreckt sich 15 Grad zu beiden Seiten der Spitze.
Da der Tierkreis sich in beständiger Bewegung befindet, hat in 24 Stunden jedes der Zeichen die Möglichkeit, im Status des Lagna zu sein.
- Janma-Rashi. Das ist jenes Zeichen, in dem zur Zeit der Geburt eines Menschen der Mond steht. Die Janma-Rashi trägt auch den Namen Chandra-Lagna (das Mond-Lagna) und spielt eine nicht weniger wichtige Rolle als das Lagna selbst.
- Die Aspekte. Unter einem Aspekt versteht man einen bestimmten Abstand zwischen zwei Planeten oder Punkten des Tierkreises, in dem sie aufeinander wirken. In der indischen Astrologie aspektieren alle Planeten das ihnen gegenüberliegende Haus. Zudem aspektiert der Jupiter das 5. und das 9. Haus von seiner Position aus, der Mars — das 4. und das 8. Haus, und der Saturn — das 3. und das 10.. Die westlichen Astrologen bestimmen die Aspekte auf der Grundlage des Gradabstands zwischen zwei Planeten oder zwischen einem Planeten und einer Spitze.
- Ayanamsha. Die imaginäre Sphäre, innerhalb derer sich das gesamte Sonnensystem befindet, heißt Himmelssphäre. Die Projektion des Erdäquators auf diese Sphäre bildet den Himmelsäquator. Wenn die Sonne sich vom Süden nach Norden vom Himmelsäquator bewegt, kreuzt sie ihn im Punkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Der andere Schnittpunkt des Himmelsäquators und der Bahn der Sonne, der bei ihrer Bewegung von Norden nach Süden entsteht, trägt den Namen Punkt der Herbst-Tagundnachtgleiche.
Die Beobachtungen zeigen, dass der Punkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche, der auch als Anfang des Zeichens Widder dient, nicht an seinem Platz bleibt. Jedes Jahr, wenn die Sonne den Punkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche erreicht, stellt sich heraus, dass die Position der Erde relativ zum festen Stern Revati sich um einen Winkelabstand von etwa 50,3 Sekunden in westlicher Richtung von ihrer Stellung am Tagundnachtgleichentag des Vorjahres verschoben hat. Es ergibt sich, dass die Punkte der Tagundnachtgleiche sich langsam entlang der Ekliptik in entgegengesetzter Richtung bewegen. Der Winkelabstand zwischen dem Anfangspunkt des festen Tierkreises und dem Punkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche heißt Ayanamsha. Das indische System der Astrologie verwendet einen festen Tierkreis, der auch als Nirayana-Tierkreis bekannt ist, wo der erste Grad des Widders von einem konkreten festen Stern im Sternbild Revati aus gezählt wird. Die westlichen Astrologen ihrerseits nutzen einen beweglichen Tierkreis, auch Sayana-Tierkreis, und nehmen als Anfangsgrad des Widders den Punkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Es ist errechnet worden, dass im Jahr 285 unserer Zeitrechnung beide Tierkreise übereinstimmten. Im Jahr 2008 betrug die Ayanamsha 23°58′. Zur Berechnung der Positionen der Planeten im Nirayana-Tierkreis (Jyotisha) muss man von den entsprechenden Werten der Koordinaten der Planeten nach dem System Sayana (der westlichen Astrologie) den Wert der Ayanamsha abziehen.
